In den Jahrhunderten zwischen etwa 1550 und dem späten 19. Jahrhundert wurden viele Jungen kastriert, um sie lebenslang zu Sopranen zu machen; der letzte starb im Jahr 1922. Es gab nicht nur eine Art von Kastraten, sondern viele verschiedene; allen gemeinsam war die Deformation vor der Pubertät, deren hormonelle, anatomische und soziale Folgen sehr unterschiedlich sein konnten. Trat der stimmliche Erfolg ein, konnten die Kastraten ein hohes kulturelles Kapital in Form von Prestige, Ruhm und Reichtum erlangen. Jedenfalls hat das musikalische Erbe, das sie hinterließen, eine musikgeschichtliche Bedeutung, die kaum zu überschätzen ist. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die gesamte klassische Grundlage des virtuosen Sologesangs im Westen – sowohl im geistlichen als auch im weltlichen Bereich – ihre Existenz den musikalischen Traditionen und Praktiken der Kastraten verdankt, und es war ihre verlorene Gesangstradition, die Rossini in der Mitte des 19. Jahrhunderts dazu veranlasste, sich nostalgisch nach ihrem "Belcanto" zu sehnen.
Das Seminar findet Mittwochs 16:15-17:45 Uhr in Raum U11 statt (Beginn: 6. April 2022). Die Teilnehmer*innenzahl ist auf 15 Studierende begrenzt.
- Dozent:in: Nina Noeske