Ob Sagenwelten, Mythen oder Erzählungen: Geschichten sind in der Regel dafür gedacht, das „Geworden sein“ einer Gesellschaft zu dokumentieren, um ein Heute zu verstehen und in ihm sinnstiftend zu wirken. Dies gilt auch für eine Musikgeschichte. Verstärkt wird jedoch seit mehreren Jahren deutlich, dass „die“ Geschichte der Musik, so wie sie in den Curricula verankert ist, kaum mehr ausreicht, um diese Funktionen zu erfüllen. Zu grundlegend haben sich ethische Vorstellungen, ästhetische Urteile und künstlerisches Wollen in jüngerer Zeit verändert, und zu deutlich treten die Schwächen einer Musikgeschichte hervor, die auf Basis gesellschaftlicher Normen des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde. Durchsetzt von „Gesellschaftsmythen“ (E. Bloch) wie Nationalismus, Geniekult, Teleologie und vor allem einer vermeintlichen europäischen Überlegenheit, wird das bisherige Narrativ unserem heutigen Musikverständnis, aber auch der Musik selbst nicht mehr gerecht.
Wie aber lässt sich das Fach Musikgeschichte neu denken, ohne in die Beliebigkeit willkürlich zusammengestellter Einzelbetrachtungen zu verfallen? Auf welchen Prinzipien müsste eine solche Musikgeschichte basieren? Wie kann sie (musikalisch) gelebt und an Schulen und Hochschulen gelehrt werden, so dass u. a. das Prinzip der „Global Education First“ (UNESCO) umgesetzt werden kann? Auf der Suche nach neuen Narrativen widmet sich das Seminar aktuellen Forschungstendenzen und musikalischen Projekten, die bereits nach einer anderen Erzählung suchen. Dabei wenden wir uns musikwissenschaftlichen Studien zu, z. B. zu „Global Music History“, zu Kolonialität oder zu Geschlechterverhältnissen, berücksichtigen Ansätze anderer Disziplinen wie z. B. der Geschichtsphilosophie, und suchen schließlich gemeinsam anhand konkreter Beispiele nach weiteren Möglichkeiten, Musikgeschichte sinnstiftend darzustellen – ohne dabei den für eine Musikhochschule und ihr Repertoire notwendigen Kanon aus dem Blick zu verlieren.
- Dozent:in: Silke Wenzel