Dass Musik mehr ist, als das, was in den Noten steht, ist eine Binsenweisheit. Wie umfassend allerdings dieses Mehr ist, wird spätestens dann deutlich, wenn man die Kontexte von Musik mit in den Blick nimmt: Besetzungen und Räume, Publika und Musizierende, gesellschaftliche und individuelle Dispositionen, politische und wirtschaft- liche Interessen, historische und geographische Verortungen. Alle diese Elemente sind beteiligt, wenn es darum geht, Musik Bedeutung zu verleihen bzw. Musik zu verstehen. Wie aber verändern sich Struktur und Bedeutung von Musik, wenn sie in einen neuen, anderen Kontext gestellt wird? Kann eine bestimmte Musik kontextabhängig mit jeder beliebigen Bedeutung aufgeladen werden? Kann eine Kontextverschiebung bereits als Bearbeitung gelten oder erzwingt sie sie sogar?
Der theoretische Hintergrund aus den Kommunikationswissenschaften bildet die Folie für den Blick auf konkrete musikalische Situationen: Wir betrachten Kontrafakturen lutherischer Choräle von der Kirche über den Markplatz bis zur Kneipe. Wir blicken auf die Arie, die von der Bühne des Opernhauses ihren Weg auf die Straße (Gassenhauer, Leierkasten), in die Salons (Opernfantasie und Klavierreduktion) oder auch in die „animated music short films“ eines Walt Disney findet, folgen den Spuren historischer Kontexte in verschiedenen Editionen eines Werkes oder betrachten den „Musikprozess“ (H. W. Heister), in dessen Verlauf die Aufführung einer Symphonie ihre Wirkung entfaltet. Vor diesem Hintergrund, in dem die Begriffe „Kontext“, „Metamorphose“ und „Variabilität“ als musikalische Kategorien weitergehend lebendig werden, wenden wir uns abschließend Kompositionen aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zu, in denen Dekontextualisierungen und Kontexte zu werkimmanenten ästhetischen Kategorien werden, so z. B. in Bernd Alois Zimmermanns „Roi Ubu“ oder in Mauricio Kagels „Staatstheater“.
- Dozentin: Silke Wenzel